Über Loyalität im Business und den Wert der Freizeit

1080 720 Wolfgang (Cocoquadrat)

Über Loyalität im Business und den Wert der Freizeit

Interview mit ANJA  Magnus geführt von Lucia Laggner

Was hast du getrieben bevor du ins Cocoquadrat gekommen bist? Ist die Gastronomie deine
Heimat oder ist sie es durch Zufall geworden?

Anja: Direkt bevor ich ins Cocoquadrat gekommen bin, habe ich in einem Steakrestaurant in der Neubaugasse im Abendservice gearbeitet. Aber eigentlich habe ich ja so ziemlich alles abgegrast, was es in der Gastronomie so zu tun gibt, außer den Sommelier (lacht). Von der Hotelfachschule über den Barista ins Nachtleben zum Barkeeper.

 

 

Wo hast du dich ausbilden lassen?

Anja: In Brandenburg an der Havel habe ich damals die Ausbildung zur Hotelfachfrau gemacht, allerdings hätte ich das auch bei meiner Mutter machen können, wenngleich die Lust, bei meiner Mutter in Lehre zu gehen, eher begrenzt war.

Du kommst also aus einer Gastronomiefamilie?

Anja: Ja, deshalb war auch der Weg, in die Gastronomie zu gehen und es zu lernen, das kleinste Übel. Denn ich kannte und konnte das ja schon von zu Hause und mit sechzehn erschien es mir als kluger Plan in diese Richtung zu gehen. Allerdings muss ich gestehen, dass ich mich schon kurz Zeit später – etwa mit achtzehn Jahren – wirklich in die Gastronomie verliebt und erkannt habe, dass es nicht nur etwas sein muss, das man ganz selbstverständlich zu Hause macht – wie etwa andere den Eltern bei der Gartenarbeit helfen (müssen). Mit der Ausbildung und den Einblicken, die ich dadurch bekommen habe, ist auch die Selbstständigkeit und Selbstwirksamkeit in den Vordergrund getreten und schließlich die Freude an dieser Arbeit.

Was reizt dich an der Gastronomie?

Anja: Ich bin einfach gerne eine Gastgeberin und ich könnte es mir nicht vorstellen, den ganzen Tag in einem Büro zu sitzen und keinen oder nur wenig Kontakt mit anderen Menschen zu haben. Ich habe auch zwischendurch mal überlegt, was ich denn machen könnte, wenn ich keine Lust mehr auf die Gastronomie habe und mir ist ehrlich gestanden nichts eingefallen. Ja, ich hab dann mal die Ausbildung zur Maskenbildnerin begonnen, aber mehr als ein teures Hobby ist das nicht geworden.

Was macht eine gute Gastgeberin aus?

Anja: Erst mal gibt es nichts, was es nicht gibt. Natürlich muss man auch mal sagen, dass man etwas nicht anbietet und klar sein, aber Lösungen zu suchen und zu finden ist integraler Teil meines Jobs. Man stößt immer auf neue Möglichkeiten oder Mittelwege und lernt nie aus. Und das Schönste ist am Ende doch, dass jemand meinen Laden verlässt und sagt, er oder sie hat sich wohl gefühlt.

Was macht die Gäste im Cocoquadrat aus?

Anja: Das Klima ist sehr angenehm. Wir sind ja nicht wie in einem klassischen Restaurant das Serviceteam, sondern wir sind ganz generell Ansprechpartner für unsere Gäste. Und da die ja selbst oft zum Arbeiten zu uns kommen, fühlt es sich an, als wären wir hier alle ein großes Team. Natürlich betreiben wir den Coffeeshop und kümmern uns um das leibliche Wohl der Gäste, aber im Prinzip sind die Grenzen fließend. Man muss sich nicht verstellen oder Sachen verkaufen, die man gar nicht verkaufen möchte, sondern ist einfach ehrlich und offen miteinander. Zwischendurch wird geplaudert und dann wieder viel gearbeitet. Da ich selbst lange in der Nacht- und Abendgastronomie gearbeitet habe, fällt mir der Unterschied natürlich doppelt stark auf. Vielleicht sind die Gäste sogar die gleichen, aber es macht eben einen Unterschied ob man in einem Restaurant 300 Euro liegen lässt oder seinen Arbeitsplatz besucht. Für mich ist es unglaublich angenehm, hier zu arbeiten.

Wie sieht ein klassischer Tag im Cocoquadrat aus?

Anja: Wir sind Barista, wir sind Empfangsdamen, wir sind teilweise auch Kindergärtnerinnen, wenn die Kleinen mit dabei sind. Es ist eigentlich alles, aber nie wirklich Arbeit. Es wird einem nie fad und der Tag geht im Flug vorbei.

Nach welchen Kriterien hast du dein Team ausgewählt?

Anja: Es gibt nur ein Kriterium und das ist Loyalität. Denn das schließt alles mit ein. Ob das Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit oder Teamgeist ist – wenn du dem Unternehmen gegenüber loyal bist, dann sorgst du dich um all diese Punkte. Die Frauen mit denen ich arbeite, kenne ich alle schon von früheren Jobs, daher habe ich sie in mein Team geholt. Ich wusste, dass ich mich in meiner jetzigen Funktion zu 100% auf sie verlassen muss und will und kann.

Die aller meisten Menschen, die ins Cocoquadrat kommen – inklusive dir – kommen hier her, um zu arbeiten. Aber dann gibt es ja auch noch Freizeit und ein Leben abseits der Arbeit. Was bedeutet das für dich?

Anja: Mein Privatleben und meine Freizeit stehen für mich an erster Stelle, gerade auch, da das lange nicht der Fall war. 10 Jahre musste ich wohl 7 Tage und 60 Stunden in der Woche arbeiten, um zu bemerken, dass man sein privates soziales Netz ungemein vernachlässigt und strapaziert. Ein Mitgrund, warum ich hier angefangen habe zu arbeiten, ist sicher auch, dass ich mich stärker auf mein Privatleben fokussieren will. Wenn die Oma Geburtstag hat, dann fahre ich auch nach Berlin und wenn es nur für einen Tag ist. Es gibt für mich keinen Job mehr, der wichtiger ist, als die Familie. Diese Zeit kann einem keiner ersetzen und das will ich auch meinem Team mitgeben. Freiwünsche werden respektiert und zugelassen, weil ich weiß, wie wichtig das für sie als Menschen und dann auch wieder für die Arbeit im Unternehmen ist.

Das Interview wurde geführt von:  Lucia Laggner

Wir sollten uns unterhalten? Gerne: lucia.laggner@gschickterwein.at
Unternehmerin & Feldenkrais Practitionerin in Ausbildung
Gründerin von G’schickter Wein – die Onlinevinothek für Österreichischen Wein
www.gschickterwein.at

Titelfoto: Anja und ihr Team (Kateryna, Eli, Anja von links nach rechts)