Lagom – was wir von den Schweden lernen können

820 312 Wolfgang (Cocoquadrat)

Über den Schwedischen Weg. Wie wir das richtige Maß finden und widerstreitenden Ziele im Gleichgewicht halten.

von Wolfgang Bretschko

Am Ostermontag schickte unsere Tochter ein Bild von einem Picknick im Freien mit Freunden. Eine gemütliche Jause auf einer grünen Wiese, bei Sonnenschein und herrlichem Wetter, lachende Gesichter. Das Bild wirkte wie aus einer anderen Zeit, vielleicht ein Erinnerungsfoto an ein vergangenes Osterfest vor ein oder zwei Jahren. Nein, es ist ein aktuelles Foto vom heurigen Osterfest. Nein, sie hat sich nicht aus jugendlichem Übermut über die Ausgangssperren hinwegsetzt. Das Bild wurde in Malmö aufgenommen. Sie studiert seit drei Jahren in Schweden und sie hat sich entschieden aktuell in Schweden zu bleiben.

Auf der letzten Seite im Zeit-Magazin findet sich immer ein Interview. Aktuell werden Menschen interviewt, die wegen der Corona-Krise um ihre Familie, ihren Beruf, ihre Existenz bangen müssen. In der aktuellen Ausgabe (Nr. 17 / 16.04.2020) wurde Eva Sichelschmidt interviewt, die als Autorin tätig ist und in Berlin Mitte ein Geschäft für Whisky und Zigarren betreibt. Von der Antwort auf die Frage, „Und wie geht es ihrem Laden?“, habe ich mich spontan angesprochen gefühlt. Sie sagte: „Die Corona Pandemie ist die größte wirtschaftliche Verunsicherung an die ich mich erinnern kann. Dann toben auch unterschiedliche Meinungen in einem selbst: muss das jetzt so gemacht werden mit all den Ladenschließungen? Hätte es nicht eine andere Lösung geben können? Unsere Wirtschaft wird lange daran zu knabbern haben?“

Auch ich frage mich öfter:
Hätte es nicht auch eine andere Lösung, einen anderen Weg geben können?

Schweden geht einen anderen Weg

Geschäfte haben geöffnet, Cafés, Bars und Restaurants können weiter frequentiert werden, werden aber nur sehr wenig besucht. Schweden verzichtet auf einen strikten Lockdown. Das öffentliche Leben geht weiter. Es ist deutlich weniger los auf den Straßen und öffentlichen Plätzen, aber es gibt keine generellen Ausgangssperren. Ich telefoniere regelmäßig mit meiner Tochter in Malmö. Wir sprechen über den schwedischen Weg. Sie erklärt mir, dass der schwedische Weg stark auf die Vernunft und Selbstverantwortung der Büglerinnen und Bürger setzt. Wer Symptome spürt, begibt sich in Selbstisolation. Wenn Anders Tegnell, Chef-Epidemiologe, über den schwedischen Weg spricht, dann klingt das so: Man müsse moderate Maßnahmen treffen, welche die Bevölkerung – wenn nötig – über Monate akzeptiere. Ein Lockdown könne gravierende Konsequenzen für die Gesellschaft haben.

Ich finde es wird Zeit, dass auch wir uns damit anfreunden, dass wir mit dem Virus über längere Zeit werden leben müssen. Wir können das Problem nicht zu Hause aussitzen. Von einer guten Freundin bekam ich vor längerer Zeit ein kleines blaues Buch geschenkt. Der Untertitel lautet: LAGOM – Der schwedische Weg zum guten Leben. Dabei geht es um eine Lebenseinstellung, um das richtige Maß.

„Nicht zu viel und nicht zu wenig, genau das richtige Maß.
Nicht durchschnittlich, nicht mittelmäßig. Nein, genau im richtigen Maß“

Genau dieses richte Maß braucht es jetzt in Österreich, wenn es darum geht das öffentliche Leben und die Wirtschaft wieder hoch zu fahren. Ich erwarte, dass wir von der Bundesregierung wie erwachsene, eigenverantwortliche Menschen behandelt werden. Manche Statements unserer verantwortlichen Politiker hinterlassen bei mir den gegenteiligen Eindruck. Diese klingen eher nach: Und wenn ihr nicht brav seid und die Zahlen wieder steigen, dann lassen wir die Maßnahmen wieder aufleben. Wir alle wissen, dass die Situation sehr gefährlich ist. Wir befinden uns in einer hoch komplexen Ausnahmesituation. Gerade deswegen braucht es gut ausbalancierte Maßnahmen. Es wird aktuell einseitig auf Infektionszahlen und auf die Kapazitäten an Intensivbetten geschaut, dabei werden die Neben-, Wechsel-  und Langzeitwirkungen vernachlässigt, die diese Maßnahmen haben.

Als Unternehmer sind wir täglich herausgefordert das richtige Maß zu finden

Wer Mitarbeiter hat, weiß, dass Motivation und Zufriedenheit der Mitarbeiter ein wichtiges Ziel ist. Ebenso wichtig ist die Kundenzufriedenheit, denn zufriedene Kunden sind die Basis jedes Geschäftes. Natürlich gilt es auch auf den Umsatz und die Kosten zu schauen. Arbeit und Freizeit, Beruf und Familie sollen sich die Waage halten. Verfolgen wir jeweils nur ein Ziel und verlieren die anderen aus den Augen, dann kommen wir schnell in eine Schieflage. Die Kunst besteht darin das richtige Maß zu finden und die teilweise auch widerstreitenden Ziele im Gleichgewicht zu halten.

Wer selbstständig tätig ist, weiß das es Phasen gibt, da ist voller Einsatz erforderlich, da reichen keine 40 Stunden in der Woche. Wir wissen auch, dass wir nicht auf Dauer 60, 80 und mehr Stunden arbeiten können. Wenn wir auf Dauer unsere Familie, unsere Freunde, unser soziales Umfeld und unsere Gesundheit vernachlässigen kommen wir in eine Schieflage. Es geht um das richtige Maß. Darum geht es jetzt beim Hochfahren der Wirtschaft.

 

Wolfgang Bretschko
Unternehmer aus Leidenschaft, Gründer COCOQUADRAT
Coach und Consultant mit langjähriger Managementerfahrung

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