„Coworking Space als Nachfolger des Wiener Kaffeehauses“ – Gastbeitrag von Thomas Schranz

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„Thomas, sag, was meinst du genau mit ‘Blossom hat kein Office‘?“ Eine Frage die ich in den letzten Jahren immer wieder mit ungläubigem Blick gestellt bekomme.

Wir sind auf der ganzen Welt verstreut. Ich bin oft auch nur ein paar Monate in einer Stadt, bevor ich in die nächste wechsle. Anstatt in allen Städten Büros zu betreiben, setze ich mich einfach in einen Coworking Space.

Zuverlässig schnelles Internet, Räumlichkeiten für Meetings oder andere Veranstaltungen, Drucker, Whiteboards und viele andere Dinge zählen zu den praktischen Coworking Eigenschaften und werden immer wieder als Gründe genannt, diese mysteriösen Orte aufzusuchen.

Coworking Spaces nur durch diese sehr funktionale Linse zu betrachten wäre jedoch viel zu kurz gegriffen. Ich würde nur an der Oberfläche kratzen. Das wäre ein bisschen so als würde ich die Wiener Kaffeehäuser Anfang des 20. Jahrhunderts als Räumlichkeiten beschreiben, in denen Kaffee angeboten wird.

„Es stellt eine Institution besonderer Art dar, die mit keiner ähnlichen der Welt zu vergleichen ist. Es ist eigentlich eine Art demokratischer, jedem für eine billige Schale Kaffee zugänglicher Klub, wo jeder Gast für diesen kleinen Obolus stundenlang sitzen, diskutieren, schreiben, Karten spielen, seine Post empfangen und vor allem eine unbegrenzte Zahl von Zeitungen und Zeitschriften konsumieren kann. Täglich saßen wir stundenlang, und nichts entging uns.“

—  Stefan Zweig

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Stefan Zweig’s Beschreibung der Wiener Kaffeehäuser hilft finde ich sehr gut, um zu verstehen, was die Magie von Coworking Spaces ausmacht.

Sie sind ein bisschen die Kaffeehäuser des Informationszeitalters. Hier wird darüber diskutiert und philosophiert, wie sich die Welt verändert und wie sie gestaltet werden kann. Kaffee und Internet werden konsumiert, aber es entsteht auch etwas neues. Input output.

Ideen werden geteilt. Essays und Manifestos werden geschrieben. Produkte werden designed. Pixel werden verschoben. Aus Buchstaben wird Software geformt.

Es wundert mich gar nicht, dass ich immer wieder Menschen in Coworking Spaces kennen lerne, die eigentlich eh ein ‘echtes’ Office haben.

Die Kreativen der Welt gehen ein und aus. Sie kommen von irgendwo und gehen irgendwo hin aber sie treffen sich im Coworking Space und gehen ein paar Schritte gemeinsam.

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Thomas Schranz ist CEO von Blossom, einer Platform für Design & Entwicklung von Software Produkten. Blossom ist bei der NASA aber auch bei Firmen wie Twitter und Netflix im Einsatz. Wenn euch dieses Essay gefallen hat, könnt ihr Thomas auf Facebook, Twitter oder Linkedin folgen.

Bildrechte: Photo Ellinger

1 Kommentar
  • Matthias Neitsch
    Beantworten

    Eine wunderschöne Beschreibung des „Spirits“ eines Coworking Cafés – Danke Thomas! – Jetzt verstehe ich auch viel besser die Kultur des Wiener Kaffeehauses und dessen politisch-kulturelle Funktion um 1900…. Der heutige Wandel, in dem wir uns befinden, dieser Wind der Veränderung, den viele spüren, ist in Vielem jener Zeit sehr ähnlich, und so nimmt es nicht Wunder, dass die Örtlichkeiten, wo dieser Wandel weltweit aktiv diskutiert und mitgestaltet wird, wiederum „Kaffeehäuser“ sind, diese wunderbaren kulturellen Symbiosen von Orient und Okkzident, von Nord und Süd, von arm und reich, wahre interkulturelle Begegnungsstätten, einst wie jetzt!

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